Liebe Familie Kuhn,
vor fünfundzwanzig Jahren habe ich mein Haus gebaut und einen Großteil des Materials von Ihrer Firma bezogen. Ich möchte mich für die tolle Unterstützung durch fachkundigen Rat bedanken und vor allem für die fast familiäre Freundlichkeit, die uns enorm geholfen hat, wenn wir unter all den Baubetrieben wieder einmal das Gefühl hatten, wir seien unter die Räuber gefallen. Das Geschäft ist nach Lengfurt verlegt und hat sich enorm vergrößert. Die Enkelgeneration wird auf die Übernahme vorbereitet. Bevor die Zeit des kleinen Familienbetriebs in Homburg völlig in Vergessenheit gerät, möchte ich zwei Geschichten aus dieser Zeit festhalten, die ich beifüge.
Wir wünschen Ihnen ein Frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr!
DIN oder Das Ist Norm
Es war in den Achtziger Jahren beim Hausbau üblich möglichst viele Arbeiten selbst zu übernehmen. An einem Nachmittag machte ich mich über die Lattung des Daches her und war so in der Arbeit gefangen, dass ich erst kurz nach dem üblichen Geschäftsschluss um sechs Uhr feststellte, dass mir die Nägel ausgingen. Also fuhr ich nach Homburg in die Maintalstraße in der Hoffnung, dass mir irgendjemand noch den benötigten Nachschub geben könne. Tatsächlich hörte ich vor der Halle schon den Gabelstapler brummen und der Seniorchef fuhr seine Runden, huschte rasant um die Kurven des engen Terrains, versetzte Paletten und konzentrierte sich darauf wieder die Ordnung herzustellen, die er sich vorgestellt hatte. Eine kleine Weile schaute andächtig zu, machte mich dann bemerkbar und bestellte ein paar Kartons Nägel für die Dachlattung. Der Seniorchef ließ sich nicht in seiner guten Feierabendlaune stören, verschwand samt Stapler zwischen den Regalen und kam in voller Fahrt von der anderen Seite mit zwei Kartons Nägel. Ich bedankte mich und lief zum Auto. Da ich schon wegen der nicht gerade kurzen Anfahrt von Marktheidenfeld die Lieferung kontrollieren wollte, riss ich vor dem großen Tor eine Packung auf. Zu meinem Erstaunen waren die Nägel deutlich dünner als die vorher vom Zimmermann dagelassenen. Ich lief also zurück und fragte den mich erstaunt anblickenden Seniorchef, ob diese Nägel für die Dachlattung gut genug sind. "Herr Lehrer" sagte er, und sein Blick war eine Mischung aus Mitleid mit einem Stadtschulmeister, der alleweil das Leben nur in der Theorie bewältigt und Mitgefühl mit jemandem, der seine angestammte Welt der Theorie verlässt, um seiner Familie ein Dach über dem Kopf zu zimmern. "Herr Lehrer, an den Nägeln können Sie eine Sau aufhängen". Er brachte das so warmherzig und überzeugend herüber, dass ich es einfach glauben musste. Die Aussage selbst war eindeutig. Das Dach hat tatsächlich den Stürmen der letzen fünfundzwanzig Jahre ohne Schaden standgehalten. Ob es in Homburg noch eine höhere Norm für die Tragkraft gibt, habe ich bis heute nicht erfahren.
Die Mädli
Nach fast einem Jahr war das Haus so weit gediehen, dass die Fliesen besorgt werden mussten. Nach dem in den Achtziger Jahren noch gültigen Prinzip: "Der Mann ist für die Technik zuständig, die Frau für die Schönheit", nahm ich meine Frau nach Homburg mit, damit sie sich bei den Fliesen umsehen kann. Ich nahm den gewohnten Weg zu den Baustoffen und fragte die Seniorchefin nach den Fliesen. Die teile uns nur mit, dass hier keine Fliesen sind, "aber gehen Sie mal zu den Mädli", meinte sie warmherzig. Vor guten Freunden oder Verwandten spricht man so über seine Kinder und uns gefiel es, dass wir einfach dazugehörten. Die Mädli selbst waren zwar im blühendsten Alter aber sicher keine "Mädli" mehr, bevölkerte doch immer eine größer werdende Kinderschar die Küche im Gehöft auf der anderen Seite der Maintalstraße. Die Mädli unterstützten uns dann auch gut bei der Auswahl der Fliesen. Das ist schon fünfundzwanzig Jahre her und meine Frau behauptet immer noch: "Das Haus wird ja nie fertig". Sie will sich bei der Diskussion um unnötigen Schnickschnack oder sinnvolle Verschönerung durchsetzen und oft gelingt es ihr auch, und ich muss dann wohl Material einkaufen gehen. So schnappe ich mit die Autoschlüssel, ziehe mich im Keller um und rufe meiner Frau in gespieltem Trotz zu: "Naja, wenn du es so willst, dann gehe ich halt zu den Mädli". Und meine Frau ist keineswegs darüber traurig. |